Noch vor dem Frühstück schauen wir, ob die Chamäleons von letzter Nacht noch da sind. Zwei finden wir noch, es sind wohl Langschläfer, und sie sind noch nicht in den Baumkronen verschwunden:


Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg nach Daraina – eine der am wenigsten besuchten Regionen Madagaskars. Die Abgeschiedenheit hat allerdings ihren Preis: Die Auswahl an Unterkünften ist mehr als überschaubar.
Ursprünglich hatten wir die Akiba Lodge gebucht, doch es kam anders: Die Batterie für die Stromversorgung ist ausgefallen. Plan B führt uns ins Hotel Lemurien Blanc direkt in Daraina. Schon beim Betreten wird klar – hier geht es um Funktionalität, nicht um Komfort. Das Zimmer ist spartanisch eingerichtet. Einfach wäre kein Problem. Aber die mangelnde Sauberkeit lässt uns stirnrunzelnd das Gepäck abstellen. Doch wir sind nicht wegen des Hotels hier – wir sind wegen der Tiere und der Natur gekommen.
Nach einem Mittagessen im Hotel geht es los. Nach sieben Kilometern Schotterpiste erreichen wir das Schutzgebiet Locky Manambato. Hier suchen wir die seltenen Goldkronen-Sifakas, beobachten weitere tagaktive Bewohner des Parks, und nach dem Einbruch der Dunkelheit werden wir das legendäre Aye-Aye suchen.
Bereits auf der Hinfahrt gab es einen ersten Stopp, da weit weg auf der anderen Seite des Hügels auf einem Kapokbaum Vasa-Papageien am Fressen waren. Ob es die grosse oder die kleine Art war, konnte aus der Entfernung nicht bestimmt werden. Spannend ist, dass diese die grünen Kapokschoten fressen.
Einmal getrocknet, wird der Inhalt, der ganz flauschig ist, für Kopfkissenfüllungen verwendet. Oder bei uns in der Heimtierhaltung als Nistmaterial für Hamster.

Unterwegs steigen wir aus dem Fahrzeug aus und unser Guide und wir setzen den Weg zu Fuss fort, während Jacques mit dem Auto zum Rastplatz weiterfährt. Die Landschaft ist trocken, der Wald offener als erwartet. Wir folgen einem ausgetrockneten Bachlauf den Hügel hinunter und die erste Gruppe Goldkronen-Sifakas sitzt entspannt in den Bäumen. Ihr cremefarbenes Fell leuchtet im Sonnenlicht, die namensgebende goldene Krone auf dem Kopf glänzt wie ein Diadem. Wir nehmen uns Zeit zum Fotografieren, Beobachten und Staunen.
Dann – mit eleganten, kraftvollen Sprüngen – ziehen die Lemuren weiter, von Baum zu Baum, als würden sie durch die Luft gleiten.
Goldkronen-Sifakas (Propithecus tattersalli) gibt es in dieser Gegend. Das Verbreitungsgebiet der Goldkronensifakas umfasst weniger als 5000 km² und ist stark in Teilareale zerfallen. Abholzungen, Brandrodungen und der Bergbau verkleinern ihren Lebensraum. Hinzu kommt, dass die Tiere gejagt und gegessen werden. Die Gesamtpopulation wird auf 6000 bis 10’000 Tiere geschätzt, die IUCN listet die Art als «stark gefährdet» (endangered).
In diesem Schutzgebiet leben etwa 30 Tiere in fünf Gruppen, die aus je fünf bis sieben Individuen bestehen. Die Tiere können ein Alter von etwa 30 Jahren erreichen. Tiefer im Wald treffen wir auf eine zweite Gruppe. Dieses Mal auf Augenhöhe, nicht hoch oben in den Baumkronen.
Plötzlich Rascheln ringsum – eine Gruppe Kronenmakis umkreist uns neugierig. Sie haben die Bananen in meinem Rucksack gerochen und würden sich zweifellos über diese Leckerei freuen. Doch ich widerstehe der Versuchung. Das Problem ist bekannt: Wenn zu viele Touristen die Makis füttern, gerät ihre natürliche Ernährung aus dem Gleichgewicht. Mangelernährung, Durchfall, Tod. Die Bananen bleiben im Rucksack. Die Makis ziehen enttäuscht weiter.

Eine Madagaskar-Haken-Nasennatter (Leioheterodon madagascariensis) schlängelt über den Weg – auch sie wird gebührend fotografisch gewürdigt.

Während wir noch unterwegs sind, haben zwei Späher bereits ihre Mission begonnen: Sie suchen nach dem Aye-Aye, dem wohl bizarrsten Bewohner Madagaskars. Diese nachtaktiven Lemuren sind Einzelgänger und bauen ihre Nester hoch oben in den Baumkronen. Wir sehen mehrere verlassene Nester auf unserer Wanderung, doch das bewohnte Nest liegt ganz oben auf dem Berg. Vor uns liegen schweisstreibende Höhenmeter.

Oben angekommen heisst es: Warten. Die Dämmerung bricht herein und dann – endlich, als es dunkel ist – verlässt das Aye-Aye sein Nest. Mit seinen langen, knochigen Fingern klettert es den Baum hinunter, nur um gleich darauf in der Krone eines anderen Baumes zu verschwinden. Von dort beobachtet es uns mit seinen riesigen, gespenstischen Augen, während wir so gut es geht versuchen zu fotografieren.
Der Rückweg wird zur Herausforderung. Schon bei Tageslicht war das Klettern über Wurzeln und Steine anspruchsvoll, und jetzt in völliger Finsternis den Berg hinunter, wird es regelrecht abenteuerlich. Jeder Schritt will überlegt sein. Unterwegs entdecken wir noch Mausmakis, deren Augen im Taschenlampenlicht aufleuchten, filigrane Spinnen in ihren Netzen und einen Blattschwanzgecko.
Zurück im Hotel erwarten uns das Abendessen und danach die Ernüchterung. In unserem Zimmer hat es kein Wasser zum Duschen. Die Toilettenspülung funktioniert einmal, dann nie wieder. Als Krönung fliesst ein Teil des Wassers unten am WC vorbei direkt auf den Boden. Die Nacht werde ich in meinen Kleidern verbringen – die vorhandene Wolldecke kommt mir nicht auf die Haut.
Manchmal ist der Preis des Abenteuers eine unbequeme Nacht….




