Bereits um 06:00 Uhr fahren wir von unserem Ankerplatz vor Nosy Lava los. Bei wiederum viel Wind und hohem Wellengang navigieren wir bis in die Bucht von Moramba – teilweise mithilfe des Motors, aber auch längere Zeit nur mit Windkraft in den Segeln.
Hinten am Boot sind zwei Fischruten befestigt und Lugan und Imsael fangen den Fisch für unser Mittagessen. Ein grosser Brocken hing da an der Angel.

Bei einer starken Windböe zerreisst dann das eine Segel. Das defekte Segel wird eingerollt und wird später repariert.


Die Bucht von Moramba liegt im Nordwesten Madagaskars zwischen Nosy Be und Mahajanga und wird wegen ihrer bizarren Kalksteinformationen als „Halong-Bucht Madagaskars“ bezeichnet. Die Kalksteininseln ähneln Pilzstängeln, auf denen jahrhundertealte Affenbrotbäume wachsen – ein spektakulärer Anblick, der tatsächlich an die berühmte vietnamesische Bucht erinnert, die James-Bond-Fans aus den Filmen kennen.
Bei Ebbe kann man die gigantischen pilzförmigen Felsen mit ihren erodierten Basen bewundern, die den Gesetzen der Physik zu trotzen scheinen. Dieser Ankerplatz bietet eine prächtige Landschaft mit vielen kleinen Sandbuchten, die zum Verweilen und Erkunden einladen. In dieser geschützten Bucht werden wir die nächsten zwei Nächte verbringen.

Unser Mittagessen geniessen wir bereits in der Bucht, bevor wir an Land gehen. Zuerst wandern wir auf einen Hügel hoch, um nach Chamäleons zu schauen. Heute werden wir jedoch nicht fündig.
Beim Herunterlaufen passiert mir ein Missgeschick: Ich rutsche auf einem Stein aus und verletze mich am Ellenbogen. Bewegen geht noch, die Kamera funktioniert auch noch – somit ist alles halb so schlimm.
Wieder auf Meereshöhe angekommen, entdecken wir auf einem Baumstamm einen grossen Madagaskar-Baumleguan. Mit einer Gesamtlänge von bis zu 40 Zentimetern gehört er zu den imposanteren Echsen der Insel. Oplurus cuvieri bewohnt hauptsächlich die trockeneren Waldgebiete, wo er tagsüber aktiv ist. Anders als sein Name vermuten lässt, hält er sich nicht ausschliesslich auf Bäumen auf, sondern nutzt auch Felsen und Felsspalten als Unterschlupf. Seine Ernährung besteht vorwiegend aus Insekten wie Heuschrecken, Käfern und Grillen, gelegentlich ergänzt durch pflanzliche Nahrung.
Bei Bedrohung flieht der Madagaskar-Baumleguan blitzschnell in Baumspalten oder unter Baumrinde, wo sein stacheliger Schwanz als Verankerung dient und es Fressfeinden erschwert, ihn herauszuziehen. Wie viele madagassische Arten ist auch Oplurus cuvieri durch Lebensraumzerstörung gefährdet und auf den Schutz seiner natürlichen Habitate angewiesen.

Und in den Bäumen beobachten wir eine Gruppe von Verreaux-Sifakas – wieder einmal mit einem Jungtier!
Die Verreaux-Sifakas sind mittelgrosse Primaten mit weissem Fell und schwarzem Gesicht, bekannt für ihre spektakulären Sprünge von bis zu 10 Metern zwischen Bäumen. Am Boden bewegen sie sich durch zweibeiniges Hüpfen fort, wobei sie ihre Arme hochhalten.
Das Jungtier, das wir beobachten, muss etwa sechs Monate alt sein, denn es entfernt sich bereits vom Rücken der Mutter. Jungtiere werden in der ersten Zeit am Bauch der Mutter getragen und wechseln nach etwa drei Monaten auf deren Rücken, bis sie mit sechs Monaten entwöhnt werden.
Die Gruppe besteht aus fünf Tieren. Ein sechstes Tier hält sich abseits der Gruppe auf – es ist verletzt. Verreaux-Sifakas leben in matriarchalischen Sozialgruppen von 2 bis 13 Individuen, wobei die Weibchen dominieren. Es wird geschätzt, dass die Population in den vergangenen 30 Jahren um 80% zurückgegangen ist, weshalb die Art als „Critically Endangered“ (vom Aussterben bedroht) eingestuft wird. Lebensraumverlust durch Brandrodung und Abholzung sind die Hauptbedrohungen.
Die ersten zwei Vasapapageien (Coracopsis vasa) hatten wir noch vom Boot aus fotografiert – weit weg in einem Baum. Man weiss nie, ob diese noch ein weiteres Mal vor die Linse fliegen. Aber es hat sich dann doch einer herunter aus den Baumkronen gewagt, um nach Früchten zu suchen.
Vazapapageien sind ungewöhnliche schwarze Papageien, die es in zwei Arten gibt: der Grosse Vasa (bis 50 cm) und der Kleine Vasa (nur 35 cm). Sie kommen auf ganz Madagaskar und den Komoren vor und leben in lockeren, polygynandren Gruppen.
Polygynandrie beschreibt ein Paarungssystem, bei dem sich mehrere Weibchen und Männchen innerhalb einer Gruppe sexuell miteinander paaren. Es dient der Sicherstellung der Befruchtung, erhöht die genetische Variabilität und fördert den sozialen Zusammenhalt. Dies findet man neben den Vasapapgeien unter anderem auch bei den Bonobos und Schimpansen.
Die Vögel ernähren sich hauptsächlich von Früchten und Beeren, aber auch von Samen von Reisenden-Palmen, Tamarinden, Guaven oder Mangos. Besonders clever ist, dass sie unreife Früchte bevorzugen, was ihnen einen Vorteil gegenüber anderen Vögeln und Nagetieren verschafft, die erst später an denselben Bäumen fressen.
Bemerkenswert ist ihr Paarungsverhalten: Die Paarung kann bis zu 90 Minuten dauern, wobei die Männchen eine ungewöhnliche Kloakenvergrösserung entwickelt haben – eine Seltenheit unter Papageien!

Der Vazapapagei flog weg, und etwas anderes kam in unsere Sichtnähe. Wir dachten zuerst, dass es eine Krähe oder wieder ein Papagei sei, aber es war ein Madagaskarhöhlenweih (Polyboroides radiatus) – ein Raubvogel!
Der Madagaskarhöhlenweih ist ein grosser grauer Greifvogel mit schwarzen Flügeln und Schwanz, wobei der Schwanz ein einzelnes weisses Band aufweist. Das nackte Gesicht ist normalerweise gelb, kann aber bei Erregung hellrot leuchten.
Wie sein afrikanischer Verwandter besitzt dieser Vogel eine ungewöhnliche morphologische Anpassung: Sein Intertarsalgelenk erlaubt es den Beinen, sich vor und zurückzubeugen. Das bedeutet, dass er seine Füsse benutzen kann, um Beute aus versteckten Stellen wie Baumlöchern, Webernestern und Felsspalten herauszuholen – eine geniale Jagdstrategie!
Die Nahrung umfasst kleine Lemuren, Flughunde, Geckos, Chamäleons, Schlangen, Amphibien, Mäuse, Insekten und sogar Vogeleier und Nestlinge. Der Vogel klettert an Termitenhügeln, Baumstämmen und Ästen entlang und balanciert sich dabei mit flatternden Flügeln, während er in Löcher späht.
Als wir am Strand auf unser Beiboot warten, um wieder auf den Trimaran zu fahren, fliegen die Bienenfresser über die Bucht auf der Jagd nach Insekten – ein perfekter Abschluss eines ereignisreichen Tages.
Wie jeden Tag verbringen wir den Rest des Tages auf dem Boot. Fotos sichern und bearbeiten, Karten spielen, Tagebuch nachführen – das sind so die anfallenden „Tätigkeiten“. Und natürlich: Faulenzen! Nach dem 3-Gänge-Menü sind wir meist früh schlafen gegangen.
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