Heute stand unsere längste Bootsfahrt auf dem Programm. Der Plan: drei Stunden bis zur privaten Insel Nosy Saba, dann weitere zwei Stunden nach Nosy Lava. Wir brechen um 06:10 Uhr auf.
Doch der hohe Wellengang und der starke Gegenwind machen uns einen Strich durch die Rechnung. Wir verlieren so viel Zeit, dass der geplante Schnorchelstopp bei der ersten Insel ausfallen muss. Erst um 14:00 Uhr werfen wir vor Nosy Lava den Anker – nach acht Stunden auf See.
Die Insel, deren Name wörtlich „die lange Insel“ bedeutet, ist etwa 12 km lang und 8 km breit. Wir verbringen drei Stunden auf dieser geschichtsträchtigen Insel, die für ihr berüchtigtes Gefängnis bekannt ist.

Das Gefängnis wurde 1911 von der französischen Kolonialmacht in Betrieb genommen und diente als Straflager für politische Rebellen und Widerstandskämpfer. Die meisten Inhaftierten waren zu lebenslanger Haft oder zur Todesstrafe verurteilt. Beim grossen Aufstand gegen die Kolonialmacht im Jahre 1947 wurden Tausende von Antikolonialisten nach Nosy Lava verschleppt. Bis zu 700 Häftlinge lebten zeitweise auf der Insel.
Auch nach Madagaskars Unabhängigkeit 1960 wurde das Gefängnis weiterbetrieben. Als sich die Verwaltung die Versorgung der Gefangenen nicht mehr leisten konnte, wurden weniger gefährliche Häftlinge tagsüber auf der Insel freigelassen, damit sie selbst ihren Lebensunterhalt verdienen konnten – eine absurde Situation.
Die Wende kam 1998 durch eine Dokumentation des madagassischen Journalisten Rivoherizo Andriakoto. Sein Film „Die Verdammten dieser Erde“ erhielt 2000 den französischen Albert Londres-Preis und zwang Präsident Didier Ratsiraka, alle Verurteilten freizulassen. Darunter waren viele längst begnadigte Rebellen und Gefangene – manche hatten mehr als das Zehnfache ihrer Strafe abgesessen.
Das Gefängnis wurde schliesslich 2010 endgültig geschlossen
Wir erkunden die Ruinen, und es ist erstaunlich, wie sich die Natur ihr Gebiet zurückerobert. Überall wuchern Lianen und Sträucher über die verfallenen Mauern, durch leere Fenster- und Türfronten eröffnen sich surreale Perspektiven.
Die einzige Süsswasserquelle – „Source des français“ genannt – spendet das lebensnotwendige Trinkwasser. Um sie herum wuchert üppige Vegetation, während der Rest der Insel sehr karg ist.


Ein Leuchtturm, der 1910 erbaut wurde, steht auf dem höchsten Punkt der Insel mit Aussicht auf Nosy Saba im Norden, Analalava im Osten und die Spitze von Maromony im Süden. Wir verzichten auf den Aufstieg – 90 Minuten Weg ohne Schatten bei dieser Hitze wären zu viel.

Im kleinen Dorf treffen wir auf etwa 12 Bewohner (so viele haben wir gesehen). Einige ehemalige Sträflinge leben noch immer hier – aus Geldmangel können sie die Insel nicht verlassen. Heute führen sie ein normales Leben, manche haben Familien gegründet. Sie leben vom Fischfang oder arbeiten als Guides für Besucher wie uns.
Wie schon auf den anderen Inseln machen wir Fotos von den Bewohnern, drucken sie aus und verteilen sie – ein kleines Geschenk, das grosse Freude bereitet.
Zurück auf dem Boot gönnen wir uns bei einem romantischen Sonnenuntergang eine Abkühlung im Meer, damit wir diese Nacht trotz der Hitze ruhig schlafen können.
Historische Einordnung: Nosy Lava steht in einer Reihe mit anderen berüchtigten französischen Straflagern. Das bekannteste war in Französisch-Guayana – durch den Roman und Film „Papillon“ wurde es weltberühmt. Nosy Lava war Madagaskars eigenes „Devil’s Island“ – ein Ort, an dem Menschen vergessen wurden, oft weit über ihre Strafe hinaus.




