Eine Gruppe von Maskarenschwalben hat sich unser Boot als Rastplatz ausgesucht und mich am Morgen mit ihrem melodischen Gezwitscher geweckt. Das Meer liegt glatt wie ein Spiegel da, und die Wolken des Sonnenaufgangs spiegeln sich perfekt im Wasser – ein magischer Moment, noch bevor der Tag richtig beginnt.
Die Maskarenschwalbe (Phedina borbonica) ist ein Singvogel aus der Familie der Schwalben, der in Madagaskar und auf den Maskarenen brütet. Die Nominatunterart ist auf Mauritius und Réunion anzutreffen, aber die kleinere madagassische Unterart P. b. madagascariensis ist ein Zugvogel, der bereits in Ostafrika überwintert oder auf anderen Inseln im Indischen Ozean beobachtet wurde.
Maskarenschwalben im Flug zu fotografieren, ist eine Herausforderung, fast wie bei nervösen Schmetterlingen. Zwei Tausendstelsekunden Belichtungszeit, 24 Bilder pro Sekunde – und trotzdem eine grosse Menge an Ausschuss. Doch zwischen all den unscharfen oder falsch geframten Aufnahmen entstehen ein paar spektakuläre Fotos, die die Eleganz dieser Vögel einfangen.
Um 07:30 Uhr legen wir ab und tuckern los. Zuerst umrunden wir die kleine Insel Nosy Kivongy, die wie ein Zuckerhut aus dem Meer ragt. Auf ihren steilen Felsen nisten Weissbauchtölpel (Sula leucogaster) – grosse, elegante Seevögel, die mit ihren weissen Körpern und schwarzen Flügelspitzen weithin sichtbar sind.
Ausgewachsen erreicht der Weissbauchtölpel eine Körperlänge von 65 bis 75 Zentimetern und wiegt dann zwischen 900 Gramm und 1,5 Kilogramm. Die Flügelspannweite beträgt 130 bis 150 Zentimeter.
Anschliessend ankern wir vor der Maki-Insel und gehen mit dem Beiboot an Land. Diese private Insel ist die Heimat von drei Lemurenarten: dem Braunen Lemur, den schwarzweissen Varis und den spektakulären dreifarbigen Larvensifaka.
Vor allem morgens ist hier viel Betrieb. Zahlreiche Touristenboote legen an, die Besucher schiessen 15 Minuten lang Fotos mit den Lemuren und fahren dann weiter zur Insel Nosy Iranja.
Wir fotografieren die Lemuren natürlich auch, nehmen uns aber Zeit für einen ausgedehnten Spaziergang über die Insel. Aufgrund der vielen Touristen sind die Tiere nicht scheu – sie springen auf Schultern, klettern auf Kameras und beäugen uns mit ihren grossen, bernsteinfarbenen Augen.
Etwas Geschichte zu den Lemuren:
Madagaskar war bereits ein Teil des Super-Kontinents Gondwana. Vor rund 150 Millionen Jahre hat sich Madagaskar gelöst. Man geht davon aus, dass sich vor 60 Millionen Jahre Lemuren entwickelt haben. Die ersten Lemuren waren grösser und schwerer als die heuteigen Arten (bis 200kg schwer). 17 Arten sind bereits ausgestorben.
5 verschiedene Familien und rund 100 Arten von Lemuren sind bekannt, davon sind 90 % der Arten bereits stark gefährdet und vom Aussterben bedroht.
Auch auf dieser Insel gibt es einen heiligen Baum, gekennzeichnet mit weissen Tüchern. Dass ein Ort oder Baum als heilig und fady (tabu) erklärt wird, durchläuft drei Stufen: Zuerst wird Gott befragt, dann der Baum oder Ort selbst, und zum Schluss muss ein Schamane der Gegend seine Zustimmung geben. Diese spirituelle Verbindung zur Natur ist tief in der madagassischen Kultur verwurzelt.
Nach dem Landgang schnorcheln wir etwa eine Stunde lang. Wir schwimmen von der Insel zurück bis zum Trimaran – eine steinige Unterwasserlandschaft mit vielen Fischen, aber weniger Korallen als an den anderen Spots. Dafür entdecken wir zahlreiche Seesterne und Seeigel, die sich zwischen den Felsen verstecken.
Nach dem Mittagessen an Bord und einer wohlverdienten Siesta gehe ich zusammen mit Lugon wieder an Land. Wir fahren zum Strand, um die verlassene Hotelanlage Coco Beach zu besuchen.
Das Resort liegt wie eine Geisterstadt am Strand. Die COVID-19-Pandemie hat es nicht überlebt, denn ohne Einnahmen über Monate hinweg musste es schliessen. Nun steht es leer, die Fenster blind, die Zimmer verlassen, die Pool-Anlage verwaist. Überall bröckelt der Putz, Pflanzen wuchern durch Risse im Beton, die Natur holt sich langsam zurück, was einst ihr gehörte.
Und doch: Die Lage wäre eigentlich perfekt. Im Vordergrund der weisse Sandstrand, im Hintergrund der dichte Regenwald mit einem Wasserfall und Mohrenmakis in den Bäumen. Für ruhesuchende Gäste, die Natur und Abgeschiedenheit suchen, wäre dies ein Traum. Doch viel müsste renoviert werden, und ob jemand das Risiko und die Investition wagen wird, bleibt ungewiss.
Bei sehr hohem Wellengang fahren wir mit dem kleinen Boot zurück zum Trimaran – die Gischt spritzt über den Bug, und jede Welle erfordert Konzentration.
Um 16:00 Uhr lösen wir den Anker und fahren weiter in eine ruhige Bucht, wo wir die Nacht verbringen werden. Heute Abend erwartet uns ein besonderes Naturschauspiel: eine totale Mondfinsternis bei Vollmond. Bei diesem Ereignis nennt man den Vollmond auch Blutmond, da er durch die Erdatmosphäre eine kupferrote Farbe annimmt.
Wir liegen auf dem Deck, schauen in den sternenklaren Himmel und warten darauf, dass der Mond aufgeht. Die Mondfinsternis konnten wir nicht sehen, da die Wolken uns die Sicht verdeckten.





