04.09.2025 – Die Mangroven von Antsahampano

Eine Reise durch Madagaskars bedrohtes Küstenparadies

Die morgendliche Fahrt zum alten Hafen von Antsahampano führt uns durch eine Welt, die sich zwischen Wasser und Land, zwischen Vergangenheit und hoffnungsvoller Zukunft bewegt. Rund eine Stunde fahren wir über durch die Anbaugebiete von Mango und Kakao, dorthin, wo einst der Haupthafen lag, von dem aus die Fähren nach Nosy Komba und Nosy Be ablegten. Doch der niedrige Wasserstand machte einen Umzug nach Ankify notwendig, denn grössere Boote benötigen auch bei Ebbe ausreichend Tiefe zum Anlegen.

Was mir hier besonders ins Auge fällt, ist die stumme Geschichte, die die Landschaft erzählt. Die Mangroven von Antsahampano wurden über Jahrzehnte stark abgeholzt – für den Hausbau, für Möbel, vor allem aber für die Herstellung von Brennkohle. Die Folgen sind drastisch: Wo einst die salztoleranten Mangrovenwälder das Ufer säumten, erstrecken sich nun versandete, leblose Flächen. Denn nur wenige Pflanzen können im salzhaltigen Meerwasser gedeihen, und so bleibt der Boden kahl und schutzlos.

Doch es gibt auch Hoffnung. Die verbliebenen Mangroven stehen mittlerweile unter Schutz und dürfen nicht mehr gefällt werden. Mehr noch: Es wird aktiv versucht, die versandeten Gebiete wieder aufzuforsten. Dies ist ein mühsamer, aber wichtiger Prozess, um dieses einzigartige Ökosystem zu retten.

Bei der Ankunft am Hafen war es Ebbe und die Schiffe lagen am Ufer auf dem Sand.

In den feuchten Sand- oder Schlammböden tummelten sich die Winkerkrabben, diese kleinen, quirligen Bewohner des Gezeitenbereichs. Bei Ebbe bevölkern sie zu Tausenden den schlammigen Boden zwischen den Mangrovenwurzeln.
Das auffälligste Merkmal der Winkerkrabben ist die asymmetrische Scherenausstattung der Männchen: Eine ihrer beiden Scheren ist massiv vergrössert und kann bis zur Hälfte ihres gesamten Körpergewichts ausmachen. Mit dieser imposanten «Waffe» winken sie in rhythmischen Bewegungen – daher auch ihr Name. Diese Geste dient gleich mehreren Zwecken: Sie lockt Weibchen an, warnt Rivalen und markiert das eigene Revier.

Die Weibchen hingegen besitzen zwei gleich grosse, kleine Scheren, mit denen sie effizient Nahrung aufnehmen können. Die Männchen müssen sich mit ihrer einen kleinen Schere zur Nahrungsaufnahme begnügen – Schönheit hat eben ihren Preis.
Winkerkrabben spielen eine wichtige Rolle im Ökosystem der Mangroven. Durch ihr ständiges Graben belüften sie den Boden und fördern den Abbau organischer Substanz.


Mit der Piroge, dem traditionellen Holzkanu, gleiten wir durch das verzweigte Netzwerk der Mangrovenkanäle. Bereits kurz nach dem Ablegen sichten wir in den Ästen der Mangroven einen Eisvogel – den Malegassenzwergfischer (Corythornis vintsioides). Dieser kleine, farbenfrohe Jäger sitzt regungslos auf einem Ast, sein leuchtend blau-türkis Gefieder schimmert im Morgenlicht. Mit wachsamem Blick beobachtet er die Wasseroberfläche, bereit, im richtigen Moment blitzschnell hinabzustossen und einen kleinen Fisch zu erbeuten. Der Malegassenzwergfischer ist endemisch in Madagaskar und bevorzugt ruhige Gewässer, die Mangroven bieten ihm ideale Jagdgründe.

Wenig später entdecken wir am schlammigen Ufer einen Flussuferläufer (Actitis hypoleucos), der mit seinen charakteristisch wippenden Bewegungen am Wasserrand entlang stolziert. Mit seinen kurzen Beinen und dem graubraunen Gefieder wirkt er unscheinbar, doch sein ständiges Schwanzwippen macht ihn unverwechselbar. Geschickt pickt er nach kleinen Insekten und Krebstieren zwischen den Mangrovenwurzeln. Dieser Zugvogel ist nicht endemisch auf Madagaskar, sondern ist in den Sommermonaten auch bei uns in Europa zu finden.


In einiger Entfernung, fast statuenhaft im seichten Wasser stehend, erspähen wir einen Madagaskarreiher (Ardea humbloti). Dieser majestätische Vogel ist eine der seltensten Reiherarten der Welt und in Madagaskar endemisch. Mit seinem schiefergrauen Gefieder, dem langen Hals und dem kräftigen Schnabel ist er perfekt an die Fischjagd angepasst. Regungslos wartet er, bis ein unvorsichtiger Fisch in Reichweite kommt – dann schlägt er blitzschnell zu. Der Madagaskarreiher ist stark gefährdet, und jede Sichtung ist ein besonderes Privileg. Die intakten Mangroven sind für sein Überleben von entscheidender Bedeutung.

Der Madagaskar-Brachvogel (Numenius madagascariensis) lebt auch in den Mangroven und war auf der Fahrt ebenfalls immer wieder zusammen in Gruppen mit dem Madagaskarreiher zu beobachten. Mit seinem langen, nach unten gebogenen Schnabel stochert er tief im Schlamm nach Würmern, Muscheln und Krebstieren. Sein geflecktes braunes Gefieder bietet perfekte Tarnung im Wattenmeer der Mangroven.


Unterwegs legen wir an einer Sandbank an und wir werden selbst zu Akteuren im Kampf um die Rettung der Mangroven. Wir erhalten je rund zehn Mangrovensamen und setzen diese im Sand ein. Jeder Samen wird sorgfältig in den nassen Boden gesteckt. Wir hoffen, dass hier in einigen Jahren wieder ein dichter Mangrovenwald stehen wird. Mit sandigen Händen und dem guten Gefühl, etwas Bleibendes geschaffen zu haben, kehren wir zur Piroge an den Strand zurück.

Bevor wir weiterfahren, habe ich noch die Möglichkeit zu schnorcheln und die Unterwasserwelt der Mangroven zu entdecken.

Gut zwei Stunden lang lassen wir uns durch dieses grüne Labyrinth treiben. Das Wasser schimmert in allen Braun- und Grüntönen, die dichten Wurzeln der Mangroven ragen wie natürliche Skulpturen aus dem Wasser.
Die Gewässer werden auch für den Transport von verschiedenen Gütern benutzt. Die Boote werden mit Segeln betrieben.

Hier noch ein paar Impressionen zu unserer Fahrt durch die Mangrovenlandschaft:

Zum Mittagessen erwartet uns ein authentisches Festmahl: frischer Fisch, Krabben direkt aus den Mangroven, dazu Reis und knackiger Gurkensalat. Einfach, aber unfassbar gut!

Auf dem Rückweg legen wir eine kleine Strecke zu Fuss zurück. Denn wir suchen nach Chamäleons am Strassenrand! Mit wachsamen Augen scannen wir die Vegetation, denn diese Echsen sind Meister der Tarnung. Drei verschiedene Tiere haben wir entdeckt, aber immer die selbe Art. Das Riesenchamäleon (Furcifer oustaleti) kann bis zu 70cm lang werden. Die Tiere auf den Fotos sind alles Halbwüchsige, mit vielleicht 30cm Länge (inkl. des Schwanzes).


Anschliessend sind wir zurück in die Khair Lodge gefahren und haben unsere Koffer gepackt – denn morgen geht es früh weiter zum Hafen von Ankify.

Weitere Fotos zum heutigen Tag:


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