01.09.2025 – Daraina Teichlandschaft und Parkbesuch

Die Nacht zieht sich endlos. Ich liege in meinen Kleidern auf dem Bett, die zweifelhafte Wolldecke ignorierend, und zähle die Stunden bis zum Morgengrauen. Als ob die fehlende Dusche und die defekte Toilette nicht genug wären, durchzieht ein penetranter Uringeruch das gesamte Zimmer. Ich bin ehrlich froh, als es endlich Morgen wird und Zeit zum Aufstehen ist.
Eines steht fest: Wir werden hier keine zweite Nacht verbringen.

Nach dem Frühstück verlassen wir das Hotel Lemurien Blanc ohne Wehmut und fahren zu einem kleinen Teich in der Nähe. Zeit für etwas entspannendere Tierbeobachtung mit den Wasservögeln.


Weisse Kuhreiher sieht man praktisch überall auf Madagaskar – sie sind die treuen Begleiter der Zebus und folgen den Rindern auf der Suche nach aufgescheuchten Insekten. Hier am Teich staksen sie gemächlich durch das flache Wasser.

Auch ein Rallenreiher, deutlich scheuer als seine weissen Verwandten, war am Teich anzutreffen. Wir schaffen es, ihn zu fotografieren, bevor er am Ufer im Gebüsch verschwindet.


Am schlammigen Ufer wuscheln kleine Hirtenregenpfeifer umher, ständig in Bewegung, pickend, suchend – winzige Energiebündel auf der Jagd nach Würmern und Insekten im Uferschlamm.


Über dem Wasser vollführen Bienenfresser ihre eleganten Flugmanöver. Mit akrobatischer Präzision schnappen sie Mücken und andere Insekten direkt aus der Luft.


Anschliessend fahren wir ein letztes Mal in den Park. Beim Eingang stossen wir auf Ruinen – hier stand einmal das Camp Tatersalli, doch während der Corona-Pandemie wurde es nicht mehr gepflegt. Dann zog auch noch ein Zyklon über das Gebiet und vollendete die Zerstörung, nur die Toiletten stehen noch in den zerstörten Bungalows. Nur noch Überreste zeugen davon, dass hier einmal Leben herrschte.

Schade eigentlich – der Platz wäre grossartig für ein Camp. Die Lage, die Aussicht, die Nähe zu den Sifaka-Territorien… Vielleicht wird eines Tages jemand den Mut haben, hier wieder etwas aufzubauen.


Zurück zu den Goldkronen-Sifakas und wir haben Glück: Wieder treffen wir auf eine Gruppe und dieses Mal ist ein Baby dabei!

Das Kleine klammert sich fest an den Bauch seiner Mutter, winzig, verletzlich und unglaublich niedlich. Vom Alter her muss es unter drei Monaten sein, denn erst ab drei Monaten klettern die Jungtiere auf den Rücken der Mutter. Diese erste Phase ist kritisch – das Baby ist vollständig von der Mutter abhängig, muss gesäugt werden und lernt die Welt aus der sicheren Perspektive des mütterlichen Bauches kennen.

Die Mutter springt elegant von Baum zu Baum, das Baby perfekt gesichert. Jede Bewegung ist kalkuliert, jeder Sprung ein Balanceakt zwischen Nahrungssuche und Sicherheit für den Nachwuchs. Bei einer Art, von der in diesem Park nur 30 Tiere existieren, ist jedes einzelne Baby ein Hoffnungsträger für die Zukunft der gesamten Art.

Wir fotografieren vorsichtig und halten Abstand. Dieser Moment – eine Mutter mit ihrem Baby, eine der seltensten Primatenarten der Welt in freier Wildbahn zu sehen ist ein Privileg, das nur wenige Menschen jemals erleben werden.


Das Mittagessen nehmen wir noch einmal im Hotel Lemurien Blanc ein – das Essen ist in Ordnung, auch wenn die Umstände es nicht waren. Dann packen wir unsere Sachen und machen uns auf den Weg zurück zur Ankarana Lodge.

Die Fahrt fühlt sich an wie eine Rückkehr in die Zivilisation. Nach den zwei Tagen in Daraina – mit all ihren spektakulären Tierbegegnungen, aber auch ihren Herausforderungen – freue ich mich ungeniert auf das, was uns erwartet: Eine warme Dusche, fliessendes Wasser und ein sauberes Bett mit frischer Bettwäsche.

Daraina hat uns Dinge geschenkt, die unbezahlbar sind: Das Aye-Aye in der Dunkelheit. Die Goldkronen-Sifakas mit ihrem Baby. Die Stille eines Waldes, den nur wenige Touristen besuchen. Die Gewissheit, an einem Ort gewesen zu sein, der wild, ursprünglich und ungezähmt ist.

Aber Abenteuer bedeutet auch: Kompromisse bei Komfort, Hygiene und manchmal auch Würde. Es bedeutet, in Kleidern zu schlafen, weil die Decke nicht vertrauenswürdig ist. Es bedeutet, sich mit Feuchttüchern zu waschen, weil kein Wasser kommt. Es bedeutet, eine Nacht durchzuhalten und am nächsten Morgen dankbar für die einfachsten Dinge zu sein.

Manchmal muss man durch die Unbequemlichkeit hindurch. Und manchmal schätzt man ein sauberes Bett erst richtig, wenn man eine Nacht in einem fragwürdigen verbracht hat.

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